Ballettabend "Drei" im Podium: Zwischen Athletik und Ästhetik

Faszinierende Körperbeziehungen zwischen Fragilität und Stärke: Das Ulmer Ballett ertanzte sich bei der Premiere des Ballettabends "Drei" im Podium des Theaters Ulm wahre Beifallstürme.

Alle guten Dinge sind . . .? Genau! "Drei" heißt der Abend, mit dem drei etablierte Choreografen die Ballettsaison am Theater Ulm im ausverkauften Podium eröffneten. Die drei je halbstündigen Piecen des Ulmer Ballettdirektors Roberto Scafati und der beiden Gastchoreografen Ivan Alboresi, ein John-Cranko-Schüler, und Paul Julius, der zwischen New York und Tokio choreografiert, könnten durchaus auf einer großen Bühne bestehen: körperbetontes modernes Tanztheater voller Energie, Leidenschaft, Athletik und Ästhetik, Fragilität und Stärke.

Die Bandbreite der ideensprühenden Stücke und ihrer choreografischen Handschriften fesselt auf der schwarzen, nackten Bühne hautnah die Sinne des Zuschauers. Pulsierende Körper und große Tanzkunst: federnde Sprünge, atemberaubende Drehungen und Hebefiguren, sinnliche Moves, Körperskulpturen, dazu enorme Präzision bei synchronen Gruppenformationen. Mal explosiv, mal poetisch hat der kräftezehrende Abend das Zeug zu einem Publikumsrenner!

Giulia Insinna, Yuka Kawazu, Ceren Yavan-Wagner, Juliane Nawo, Fabienne Schärer sowie Lorenzo Angelini, Yuhao Guo, Damien Nazabal, Pablo Sansalvador und Rustam Svarasov lassen keine Wünsche an Einsatz, Kondition, Technik und Bühnenpräsenz offen. Sie alle präsentieren sich unter Scafatis Gesamtleitung in blendender Verfassung. Die Vielschichtigkeit der Klangcollagen aus Stimme, Text, Geräuschen, Musik-Mix ist fein auf das facettenreiche Tanzvokabular aus Modern Dance, Hiphop-, Breakdance- und Kampf-Elementen abgestimmt. Den optischen Reiz komplettieren die Kostüme (Britta Lammers) und Licht- und Schatten-Spiele.

Die hohen Anforderungen erfüllte das Sechser-Aufgebot um Pablo Sansalvador schon eingangs in der Choreografie ". . . und das ist es, warum ich weinen kann", die Ivan Alboresi nach einem Zitat aus Thomas Manns Prosaskizze "Vision" benannt hat.

Interpretations- und Assoziationsräume bleiben auch in Roberto Scafatis "Rot, Rouge, Rosso, Aka, Kirmizi". In seiner Choreografie für fünf Frauen beschäftigt sich Scafati mit dem weiblichen Zyklus. Von Alfredo Miglionico (Klavier) und Christian Bertoncello (Cello) mit Arvo Pärt & Co. musikalisch in Szene gesetzt, schließt sich der Lebenskreislauf der gepeinigten, mit fliegenden Röcken und Haarmähnen wild tanzenden Körper beim "Happy-Birthday"-Geklimper in berührender Anmut.

Aus all den perfekten Tänzerinnen und Tänzern stach in Paul Julius "Misalignment" ("Aus dem Tritt") um Paarbeziehungen zwischen Harmonie und Konflikt, Nähe und Ablehnung zum eingespielten Sound-Mix aus Verdis "Dies irae"-Chor bis Jenkins & Adiemus ein intensiver Pas de deux besonders hervor: Ceren Yavan-Wagner und Rustam Savrasov - wie entfesselt, aufgeputscht im dynamischem Drive, furios, voller Emotion und Faszination. Enthusiastischer Zuspruch für die Compagnie und die anwesenden Choreografen, Bravo-Rufe bei nicht endenwollenden Ovationen.

von CHRISTA KANAND | 27.10.2014 / SÜDWEST PRESSE