Dancing in the City

Ausdruckstanz in hoher Perfektion und fantasiereiche Choreografie

Es war ein im wahrsten Sinn des Wortes atemberaubender Ballettabend, denn streckenweise wagte das Publikum bei der Premiere "Dancing in the City" am Freitagabend im Schauspielhaus kaum zu atmen. Ausdruckstanz in hoher Perfektion, außerordentlich fantasiereiche Choreografien, tänzerische und fast artistische Glanzleistungen der durchweg jungen Akteure - diese Tanzbegegnung hat die Hürden für jede weitere Folge sehr hoch gelegt.

Der zweigeteilte Ballettabend wurde von dem niederländischen Choreographen Paul Julius mit einer eigens für diese Begegnung von Tanzsprachen geschaffenen Inszenierung "Fragments" eröffnet. Der Künstler, der bereits für das New York City Ballet, das Serbische Nationalballett, das Stuttgarter Ballett und mehrfach für das Ballett des Staatstheaters Schwerin gearbeitet hat, erzählt mit internationaler Musik Geschichten von Paaren in einer Großstadt, die so unterschiedlich wie das Leben selbst sind. Sie laufen wie Schatten im Tagestrubel an einem vorüber, erscheinen einen kurzen Moment, um dann wieder als Schatten zu verschwinden. "Fragments" eben. Immer wieder Szenenapplaus für "Fragments"
Wie Paul Julius allerdings diese Geschichten umsetzt, das riss das Publikum immer wieder zu Szenenapplaus hin. In einer ungeheuer komprimierten tänzerischen Ausdruckssprache, bei der keine Handbewegung, keine Drehung Redundanz war, sondern die punktgenau den emotionalen Zustand widerspiegelte - das war eine choreografische Meisterleistung. Knisternde Erotik, Gewalt, Langeweile, Gleichgültigkeit oder lähmende Schüchternheit: Jedes Gefühl wurde in begeisternde Bewegungssprache umgesetzt, begleitet von sich auf jede Situation einfühlende Musik von Balladen bis zum Hard-Rock.

Paul Julius hat kein Mittel ausgelassen, um ein vor allem junges und mit Ballett wenig vertrautes Publikum anzusprechen. Sogar ein Ausdruckstanz, ganz ohne Musik und mit einer einzigen Primaballerina, ließ das Publikum fast zur Atemlosigkeit erstarren. Im Schlussbild von "Fragments" sind alle Paare dieser imaginären Stadt mit "Dancing in the City" wieder vereint auf der Bühne, tanzen Passagen ihrer Auftritte, und es ist schon verblüffend, dass der Zuschauer einzelne Posen, Schwünge, ja Handbewegungen, wiedererkennt. Das ist offenbar nicht nur eine bezaubernde Tanzsprache, sondern auch eine, die sich sehr schnell einprägt.

Unterschiedliche Tanzsprachen treffen aufeinander Auszüge aus "Ausnahmezustand", einer Choreografie, die Gonzalo Galguera schon 2004 für das DessauBallett geschaffen hat, waren im zweiten Teil des Abends zu sehen. Es ist der besondere Reiz dieser Reihe, dass unterschiedliche Tanzsprachen aufeinandertreffen, wodurch ein Spannungsbogen entsteht, der zu Diskussionen anregt.
Der in Kuba geborene Magdeburger Ballettdirektor will dann auch mit dem Stück nicht den äußeren Ausnahmezustand widerspiegeln, sondern den inneren, in dem sich jeder Mensch jeden Tag, sei es durch Wut, durch Liebe, durch Kränkung oder Lob immer wieder befindet. Und das macht er auf so fantasievolle, künstlerisch ausdrucksstarke und emotional ergreifende Weise, dass der Spannungsbogen aus dem ersten Teil nicht abreißt, sondern aufgenommen, weitergeführt und auf völlig andere Art und Weise, mit eher klassischen Ballettmitteln und enormer körperlicher Leistung der Tänzerinnen und Tänzer, zu einem weiteren Glanzlicht des Balletts geführt wird.

Zum wohl stärksten Moment in dieser Inszenierung gelingt eine Szene, in der zu einer eindringlichen Ballade aus Klavier und Geige zwei Paare, von denen sich jeweils eines im gleißenden Spot-Licht befindet, einen beinahe artistisch anmutenden Tanz im Wechsel mit dem Licht fortsetzt. Das Ende ist die Erstarrung im Stile göttlicher Statuen.
Die "Tanzbegegnungen" sind ein Experiment. Sie geben den Künstlern die Möglichkeit zu probieren, sich zu entwickeln, den Tänzern wie den Choreografen. Ohne solche Experimente erstarrt ein Theater. Sind dann solche Versuche wie diese Ballett-Reihe auch noch so erfolgreich, dann muss einem um die Zukunft dieses Theaters nicht bange sein.

geschrieben von: Rolf-Dietmar Schmidt | Volksstimme 27.02.2012
Fotos © Andreas Lander

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