Das Ballett „Giselle“ hatte Premiere am Mecklenburgischen Staatstheater

Die Geschichte vom Bauernmädchen Giselle, das Herzog Albrecht liebt, an gebrochenem Herzen stirbt und bei den „Wilis“ im Fee-Reich der Myrtha als Unerlöste erscheint, gehört zu den großen klassisch-romantischen Ballettmärchen. Da steht den Zwängen des Lebens eine Phantomwelt gegenüber, in der Erfüllung geträumt werden kann.

In seiner tradierten Form ist „Giselle“ für das kleine Schweriner Ensemble nicht vollziehbar. So versetzt der Choreograph Paul Julius den Widerspruch zwischen Realität und Wunsch in die Jetztzeit, sozusagen in Kammerfassung. Der Konflikt ist nun eine Dreiecksgeschichte zwischen Herrn Jedermann, seiner schwärmerischen Geliebten und der kämpferischen Ehefrau, die hier entscheidend eingreift. Wenn Julius das ballet blanc der Romantik optisch weder bieten kann noch will, so bewahrt er doch jenen romantischen Geist, in dem der Widerspruch zwischen dem Faktischen und dem Ersehnten sich nur tödlich löst. Und hier stirbt nicht Giselle an Liebeskummer, sondern Albert wird gerichtet von der bösen Königin Myrtha, die in seiner Frau auch steckt. Tatort Gegenwartsmärchen. Untermalt, pointiert, leitmotiviert von der Musik Adolphe Adams. Sie wird von der Staatskapelle, inspiriert von Judith Kubitz, schwungvoll, singend, seufzend und mit starken Solostimmen musiziert.

Julius ist nicht der Museumswärter des originalen Virtuosentums. Giselle hüpft keine zwölf Takte auf dem gleichen Bein – temps levès sur pointe – in der Diagonale. Aber die Choreographie entzaubert „Giselle“ nicht vor der nüchternen Hausfront von Bühnenbildner Fred Pommerehn im ersten Akt. Die Begegnungen der Liebenden vollziehen sich mit malerischen Pas de deux und Soli in der Aura des traditionellen Vokabulars. Die Erzählung wird auch ausgeschmückt mit sogenannten Divertissements, also durch die Demonstration klassischer Elemente, wie auf der Party.

Glänzendes Solistentrio
Und im zweiten Akt, wo das Licht die gewendete Fassade als Jenseits diffus stimmt, gewinnt Julius mit stringenter Körpersprache für Bathilde sowie den Gruppen-skulpturen eine gestochene, zeitgenössisch kühle Ästhetik. Da korrespondieren Realität und Vision, Charakterbild und Spitzentanz. Die Verflechtung von Moderne und Romantik wird ebenso augenfällig in den hervorragenden schwarz-weiß Kostümen von Bettina Lauer aus Shorts und Tops und knöchellangen Röcken; in deren Wehen sind die „Wilis“, die vor der Hochzeit gestorbenen, weiter tanzenden Bräute, noch zu ahnen.

Es ist erstaunlich, wie Julius mit vier, fünf Paaren Imagination hervorruft, mit fünf Frauen Geisterstimmung schafft. Im Ensemble leuchten sonderlich die Damen, in den Fouettès von Silvia Pisani und Annelies Waller blitzt technischer Fortschritt auf. Nao Matsushita zeigt in der Titelrolle mit eleganter Allüre – „runde Arme“ – ein Flirren aus Liebreiz, Zärtlichkeit, Verzweiflung, sie vermag die klassische Figuration mit Emotion zu füllen. Bravourös formuliert Davina Kramer in der Bathilde Seelenbrüche und Körperschreie, da pulsieren und changieren Anspruch, Zerrissensein, eisige Energie. Chapeau! In der Spannung zwischen den Rivalinnen, im Wechsel mit beiden und solo tanzt Rustam Savrasov Alberts Beziehungsunfall so flexibel wie intensiv zwischen Lyrik und Dramatik. Glänzendes Solisten-Trio. „Giselle“ als Psychogramm. Tradition weitergegeben mit Feuer. Das Premierenpublikum am Freitag brach in Jubel aus.

geschrieben von: Manfred Zelt / März 2010