An der Oberfläche gekratzt

Am Staatstheater Schwerin hat Ballettchef Jens-Peter Urbich ein für sein kleines Ensemble (acht Frauen, sieben Männer) respektables Repertoire aufgebaut - mit Hilfe von Gastchoreografen, er selbst choreografiert keine Ballettabende. Allein vier Premieren in dieser Spielzeit (drei davon im E-Werk, der alternativen Spielstätte des Theaters), dazu drei Wiederaufnahmen, darunter „Le Sacre du Printemps“, sprechen für sich.

Und nun auch „Giselle“, 1841 uraufgeführt, Dauerrenner quer durch die klassische und moderne Tanzszene, radikal umgedeutet u.a. von Mats Ek und Stefan Thoss. Paul Julius, ehemals Tänzer im Schweriner Ensemble, geht einen Mittelweg, versetzt die Handlung in eine heutige Straße, verwendet aber fast zumeist klassische Stilelemente von simpel (trockene Schulschritte) bis virtuos, auf Spitze getanzt, bezieht den Boden mit gemäßigt modernen Elementen ein. Die entwicklungslose Wiederholung aus u.a. Drehungen, Pas de chats, hohen Beinen, die eingedreht in die Rotation zurückführen, dominiert das Geschehen über ermüdend weite Strecken.
Der gesellschaftliche Reibungspunkt Adel gegen Dorf fällt weg, Julius konzentriert sich verkürzt auf die privaten Konflikte des Trios Giselle-Albrecht-Bathilda in einer neutralen Umgebung von Büro und Straße, greift deren Eifersuchtsdrama auf. Erst gewissermaßen realistisch im 1. Akt, dann in einer Art Traumatmosphäre im 2. Akt (ohne Wald!). Darin mutiert Bathilda zu Myrtha, im Original die Königin der Wilis, jener Bräute, die vor der Hochzeit gestorben sind und mörderisch Wanderer im Wald zu Tode tanzen. Bei Julius sind es die Nachbarinnen der Bathilda, deren untreuen Mann Albrecht sie vereint attackieren, Giselle versucht vergeblich ihren geliebten Albrecht zu verteidigen. Er fällt Bathilda/Myrtha zum Opfer.

Die ansonsten offene Bühne wird seitlich eingerahmt von hohen Wänden, hinten bestimmt eine Häuserfront (Bühne: Fred Pommerehn), die sich im 2. Akt auflockert durch senkrechte, meterbreite Spalten, Auftrittsöffnungen für die Frauen. Bettina Lauers Kostüme - aus bodenlangen, vorn offenen Röcken aus leichtem Stoff über Shorts und Korsagen bei den Frauen sowie schwarzen Hosen, kombiniert mit weißen Hemden bei den Männern - wirken kühl, fixieren keinen historischen Stil.

Während es aus dem Orchestergraben mit Hörner- und Holzbläserklang und warmem Bratschensolo romantisch tönt, meidet Julius choreografisch die tiefere Emotion. Die Pas de deux von Giselle und Albrecht kreiseln durch die im Überfluss eingebauten Drehungen um sich selbst, greifen nur selten in den Bühnenraum aus. Nao Matsushita (Giselle) und Rustam Savrasov sind dermaßen mit der Bewältigung der technisch und konditionell fordernden Hebungen-Abfolge beschäftigt, dass sie zum Liebesausdruck nicht fähig sind. Aber auch in ruhigeren Passagen passiert nicht viel zwischen den beiden. Die langbeinige Matsushita, Lolita-Typ mit knabenhafter, eckiger Schulterpartie, androgynem Oberkörper, vermag ihrem kindlichen Gesicht kaum eine Regung abzuringen. Als Adagiotänzerin bereitet es ihr Probleme, aus dem Stand umzuschalten auf spritzigere Abläufe. So fehlt das unbeschwerte Moment gänzlich. Savrasov, technisch versiert, mit schönem Sprung begabt, als Partner sehr aufmerksam, tanzt nach innen gewandt, kaum je öffnet sich sein Blick. Da Julius nicht in der Lage ist, dem Paar die Liebessehnsucht über einfühlsame Bewegungen einzuflößen, verharren deren Duos im glatten Vollzug.

Vom anderen Kaliber ist die herbe, rothaarige Davina Kramer als Bathilda/Myrtha, der sie glaubhafte Leidenschaft einbrennt. Selbst den ziemlich hilflos gestalteten Attacken auf Albrecht im 2. Akt verleiht sie durch ihren unbedingten Einsatz eine gewisse Glaubwürdigkeit. Auch Silvia Pisani (alternative Besetzung für die Giselle) sowie ihre Kollegin Anneliese Waller zeigen bei Einlagen, wie sich mit Temperament Funken aus der sterilen Vorlage schlagen lassen. Dem virilen Simon Herm (Hilarion) gibt Julius keine Möglichkeit, seine Persönlichkeit im Kontrapunkt zu Albrecht zu entfalten, eine vertane Chance zur Konfliktverdichtung. Für die Gruppenszenen packt Julius brave Folgen aus dem Fundus von Trainingsstunden aus. Meist postiert er die Tänzer mit dem Gesicht zum Publikum, kaum je wagt er einen Wechsel zu anderen Raumformen. Wie verstaubte Divertissements fallen sie im 1. Akt aus der Handlung, fügen der Situation, Stimmung nichts hinzu. Bedauerlich für das Ensemble, das Unregelmäßigkeiten im synchronen Miteinander mit Verve überspielt.

Das Orchester und seine Dirigentin Judith Kubitz nehmen Adolphe Adams inspirierte Komposition ernst. Kubitz treibt die Musiker zu schwungvollem Spiel im 1. Akt und zu sorgfältig abgestuftem im 2. Akt. Der erstaunlich vielfältige Reichtum an Klangfarben und dynamischen Schattierungen der Musik Adolphe Adams wird plastisch herausgearbeitet: ein Hörgenuss.

geschrieben von: Ulrich Völker | tanznet.de