Ein schlafender, bewegter Organismus

Vom Schlafwandeln handelt die neue Tanzproduktion des Theaters von Tarek Assam und Paul Julius, „Sleepwalker“. Albträume inklusive, sahen die Besucher der Premiere am Samstag im voll besetzten Theaterstudio im Löbershof (Til), denn die nach innen gerichtete Schau aufs Unbewusste ist zum Einlullen ungeeignet. Nicht jedoch zum Eintauchen.

So soll es möglichst auch sein, und Caitlin-Rae Cook, Lea Hladka, Jennifer Ruof, Sven Krautwurst, Claudio Pisa sowie Endré Schumicky sind genau die richtige Besetzung für einen vitalen Zug durch die Dinge des Dunkels. Schon das Anfangsbild, in dem das Ensemble gemeinsam laut atmet, wird verfremdet und dann überlagert durch das Geräusch einer Beatmungsmaschine mit unguten Nebengeräuschen: Kaum schläft man ein, übernehmen die Anderen. Es geht den Choreographen um „die unbekannte Welt des Schlafes“ und sie gehen der Frage unbefangen und einfallsreich nach. Dabei hilft Imme Kachels Bühnenbild, ein Raum mit einer schräg aufsteigenden Einfassung und einer schiefen Ebene mit zwei Matratzen, um hier nur das Offensichtliche zu erwähnen. Das öfters choreografierte „Verschmelzen“ die Tänzer zu einem bewegten Organismus legt die Assoziation zum allgemeinen, uns allen innewohnenden Gegenstand nahe.

Auffallend ist der Soundtrack, den Mirko Hecktor und Assam gestalteten. Hier wird geschickt und sensibel die Ergänzung des zu Sehenden um intensive musikalische und akustische Elemente praktiziert. Erstmals in einer hochintensiven Cellopassage, die geradezu beunruhigende Eigenschaften enthält: hochattraktiv, wie hier eine weitere Ebene eingezogen wird, ohne dass die Musik zum Taktgeber verkommt. Im Tanz entzieht sich Tarek Assam schon lange jeder Erwartung an den Ensembletanz als geschlossenes Erlebnis im herkömmlichen ästhetischen Sinn. Dennoch sind einige betörend schön getanzte Passagen zu verzeichnen, vor allem ein hinreißendes Männertrio. So verfolgt man die verbildlichten Erscheinungen und Heimsuchungen des Schlafes anhand der prägnant überzeichneten Figuren der Akteure, während die auf ihren Lidern ein zweites Paar Augen aufgemalt haben, mit denen sie zuweilen irritierend starr ins Publikum blicken: das zweite Ich. Die Regie lässt verschiedene Tänzer Szenen spielen, in denen diese zweiten Augen ins Spiel einbezogen sind, genau wie wir ja auch gelegentlich andere – zuweilen schönere – Rollen im Traum spielen.

Weniger attraktiv ist die Einbeziehung eines Teddybärs als Traumfigur, der immerhin wenigstens graduell dekonstruiert wird, indem er eine Tänzerin brutal an sich reißt und mit ihr eine der intensivsten Szenen des Stücks tanzt. Es ist ein böser Teddybär und fast glaubt man schon an ein Verschlingen der Frau durch den Bären, worauf dann beide in einem Kostüm … das wär mal was! Später tritt auch noch ein Hase auf, der allerdings nur kursorisch agiert und dann wieder abgeht: Diese Figuren werden zwar ihrer Funktion als gedanklichem Kristallisationspunkt durchaus gerecht, bergen aber für den Betrachter keine sinnstiftenden Inhalte, sie bleiben letztlich banal, einfach nur überraschend – zu abgenutzt. Eine einsame Feder, zufällig aus einem Kostüm entkommen, besaß da als minimaler Störfaktor mehr Assoziationspotenzial. Umso befriedigender sind die Phasen, die auch in dieser Produktion mehrfach vorkommen. Da findet man sich nämlich in einem regelrechten Strom wieder, in dem die Ebenen Sehen, Hören und Fühlen zu einer verschmelzen und dem Betrachter ein gleichsam ganzheitliches Mitschwingen ermöglichen, bei dem man bis zum witzigen Schlussakzent dann alles vergisst: großartig. Riesenbeifall.

Heiner Schultz, 11.11.2013, Gießener Anzeiger