Premiere von »Sleepwalker« im Til Studiobühne

Eine Studiobühne ermöglicht Experimente, die auf der großen Bühne des Stadttheaters so nicht machbar sind. Das hat Ballettdirektor Tarek Assam in den elf Jahren seiner Tätigkeit in Gießen immer wieder zu nutzen gewusst und den Tanzfans dadurch spannende An- und Einsichten gewährt.

Immer wieder hat er Gastchoreografen eingeladen, mit ihm gemeinsam aus Ideen Tanzstücke zu entwickeln, dieses Mal ist es Paul Julius aus Leipzig. Nachdem in der letzten Studioproduktion »Siddharta« – passend zum aufsprießenden Frühjahr – eine jugendlich suchende Welt dargestellt wurde, ist es zum Start der dunklen Jahreszeit ein Tanzstück, das in den finsteren Sphären des menschlichen Individuums stöbert.
»Sleepwalker« haben sie es genannt, was übersetzt Schlafwandler bedeutet und in früheren Zeiten auf den Einfluss des Mondes zurückgeführt wurde. Mittlerweile weiß die Wissenschaft, dass es in der Kindheit normal ist, schlafzuwandeln, erst im Erwachsenenalter wird es zum Krankheitsbild. Im Schlaf verarbeiten wir persönliches Tagesgeschehen, unsere Träume spiegeln Sorgen und Ängste, lassen Erinnerungen an Kindheitserlebnisse wieder hochkommen, schöne wie hässliche, vor allem folgen sie einer eigenen Logik.
Das medial immer wieder reproduzierte Bild, das sich für uns alle damit verbindet, ist der Schlafwandelnde im weißen Nachthemd auf dem Dachfirst. Man darf die Person nicht ansprechen und wecken, dann könnte sie abstürzen und sich verletzen. Also belassen wir sie im Zustand der sprichwörtlichen »schlafwandlerischen Sicherheit« und schauen zu, was sonst noch zwischen Tag und Traum passieren kann.

Die drei Tänzerinnen Caitlin-Rae Crook, Lea Hladka und Jennifer Ruof sowie die drei Tänzer Sven Krautwurst, Claudio Pisa und Endré Schumicky zeigen unglaublichen Körpereinsatz und ein beeindruckendes tänzerisches Niveau. Zu Beginn stehen sie, komplett schwarz gekleidet, als Gruppe zusammen, atmen laut unter Einsatz ihrer Arme und schwanken leicht, sinken mit weichen Bewegungen zu Boden. Häufig tanzen sie mit (fast) geschlossenen Augen, doch auf ihre Augenlider sind weit geöffnete Pupillen gemalt. Und so starren sie uns immer an. Ein befremdlicher Effekt, den vor allem die blonde Caitlin-Rae Crook in ihrem Solo als selbstverliebte Prinzessin gekonnt ausreizt.
Ein Dachfirst ist angedeutet im Bühnenbild (Imme Kachel), doch kann das Wandeln darauf nur zu Beginn aufrecht stattfinden, bald müssen sie auf allen Vieren gleiten, wegen der geringen Deckenhöhe des TiL. Das wird auf der künftigen Studiobühne im Kinogebäude am Rathaus wohl anders werden. Matratzen gibt es auf der seitlichen Schrägebene zum ruhigen Liegen und darauf Herumwirbeln, auch zum sportlichen Wettbewerb. An der Rückwand sind die Matratzen und Teile davon fest angebracht, zum verletzungsfreien Dagegenknallen oder Herunterrutschen wie an einer Dachrinne.

Die härtere Seite des Schmusens

Die Musikauswahl sorgt zusammen mit dem oft punktuellen, immer grellweißen Licht für Atmosphärenwechsel, die von leicht und beschwingt bis unheimlich und beängstigend reichen. Es gibt viel rhythmisches Wummern und unbestimmtes Wabern, aber auch treibende Geigen, massive E-Gitarren- und perlende Klavierläufe. Für die Kindheitserinnerungen kommt ein großer Teddybär (Schumicky), der zum Kuscheln und Streicheln einlädt, dann aber auch die härtere Seite des Schmusens zeigt, indem er eine Tänzerin (Ruof) lockt und zum Beischlaf zwingen will. Ein wilder Kampf, bei dem dennoch das Abgleiten ins Unappetitliche vermieden wird.
Tänzerisch gibt es beeindruckende Soli (Krautwurst), zauberhafte Duette (Hladcka und Pisa) und elegante Ensemblechoreografien. Einen besonderen ästhetischen Genuss bietet das männliche Trio mit freiem Oberkörper gegen Ende des ungemein dichten, einstündigen Tanzstücks.

Dagmar Klein, 11.11.2013, Gießener Alllgemeine